// du liest...

Digital Trends

Mobile Reading: Der Praxistest

Seit meinem ersten Artikel über das Thema Lesen auf dem Handy ist Bewegung in das Thema gekommen. Zunächst hat Google die Veröffentlichung einer mobilen Version von Google Books bekannt gegeben. Damit stehen 1,5 Millionen Werke in englischer und rund 500.000 Werke in deutscher Sprache bereit, um auf dem Telefon gelesen zu werden. Mit Amazon hat kurz darauf ein zweiter großer Player eine spannende Ankündigung gemacht, wie die Berliner Morgenpost berichtet. Das Unternehmen möchte seine E-Books nicht mehr nur für den Kindle, sondern auch für Smartphones vertreiben. Der Vorteil gegenüber dem Angebot von Google besteht darin, dass bei Amazon auch aktuelle Bestseller für das Handy zur Verfügung stehen werden. Auf der Anbieterseite tut sich also einiges – doch die Kernfrage bleibt, ob Handys überhaupt als E-Reader für Literatur in Frage kommen.
Beim Lesen des Handy-Romans „The Manga Man“ von Alexander Besher sowie des Klassikers „Die Verwandlung“ von Franz Kafka als Handybuch habe ich mir über diese Frage eine Meinung gebildet. Ich fasse sie in einigen Thesen zusammen.

1)Auf dem Handy lesen” ist nicht gleich “auf dem Handy lesen”
Die erste, wenig überraschende Erkenntnis: die Performanz von Mobile Reading-Angeboten steht und fällt mit dem Endgerät, auf dem sie konsumiert werden. Während das Lesen längerer Texte auf einem Nokia E51 schnell anstrengt, ist ein Display in der Größe des Nokia N96 schon weitaus komfortabler. Für die Zukunft gilt es für Produzenten, die das Mobile Reading pushen wollen, das Handy für die lesende Klientel neu zu überdenken. Erste Ansätze dazu gibt es schon: Nokia hat beispielsweise das Patent für ein faltbares Handy beantragt, das bei kompakter Größe ausgeklappt über ein großes Display verfügt. Auch Samsung arbeitet am Display der Zukunft und nutzt dafür AMOLED-Technologie:

Große Displays in hoher Auflösung und mit genügend Helligkeit, das ganze verbaut in kompakten Geräten – wie diese beiden Beispiele zeigen, planen Nokia und Samsung bereits Handys, mit denen das Lesen auf dem Telefon sicher gut funktionieren würde.

2) Offline ist besser als online
Im direkten Vergleich zwischen den Handybüchern von cosmoblonde und Beshers Umsetzung, ein Buch auf einer mobilen Website zu veröffentlichen, schneidet die javabasierte Variante von cosmoblonde besser ab. Letztlich ist kein Text so lang, als dass er in Dokumentenform die Speicherkapazität aktueller Handys überfordert. Für die Online-Variante scheint die Zeit noch nicht reif – noch ist nicht überall schneller mobiler Zugang zum Web möglich. Zudem mag nicht so recht einleuchten, wo der Vorteil darin liegt, einen statischen Text online zu veröffentlichen statt ihn als Dokument zum Download anzubieten. Wenn keine Interaktionsmöglichkeiten mit dem Text in Form von Kommentaren, Links oder Weiterschreib-Funktionen gegeben sind, ist ein PDF oder eine Java-Anwendung die bessere Lösung. Wäre Beshers „The Manga Man“ also eher der Hypertextliteratur denn der klassischen Literatur zuzuordnen, würde die webbasierte Variante Sinn machen. So jedoch bleibt das Gefühl, dass Besher unbedingt Pionier sein wollte, ohne dass der Leser dadurch von einem Mehrwert profitiert.

3) Handyliteratur muss sich dem Medium anpassen
Anknüpfend an den Gedanken der Hypertext-Literatur würde die Idee, Literatur auf dem Handy zu lesen, enorm an Charme gewinnen, wenn sich ein eigenes Genre bilden würde, dass sich in Form und Sprache dem Medium anpasst. Die japanischen mobile novels sind dafür ein spannendes Beispiel. Eine andere Variante wären literarische Texte, die kalenderbasiert sind und so zu einer Art „24“ auf dem Handy werden können. Der Leser folgt so in Echtzeit und überall einer Geschichte und wird immer über seinen Kalender informiert, wenn der Plot fortgesetzt wird.

Das Lesen am Handy jedenfalls, da bin ich sicher, wird sich eine Nische zwischen gedruckten Büchern und den aufkommenden E-Readern erobern. Wie schnell das geht und wie groß diese Nische sein wird, hängt vor allem mit der Entwicklung der Endgeräte und der Angebote zusammen. Die Neuheiten der letzten Monate – von iPhone über T-Mobile G1 bis hin zu den oben skizzierten Plänen von Nokia und Samsung auf der Geräteseite sowie die Pläne von Google und Amazon auf der Anbieterseite – sind Indizien dafür, dass diese Nische größer sein wird als mancher heute vermutet.

Diskussion

2 Kommentare für “Mobile Reading: Der Praxistest”

  1. Congratulations for writing the first literary review of Manga Man in the world. I would guess that Romania and Democratic Republic of Congo might be next. Anyway, before the Third World minds of the USA can possibly comprehend. Manga Man is a template, certainly an experiment in progress. And I must confess, I couldn’t resist being the first to launch this “post-Gutenberg” enterprise. Even though history is revisionist, I at least am content. I invite you to write me at my e-mail address of alexbesher@yahoo.com. I like your ideas and would like to share some with you.

    Geschrieben von Alexander Besher | 24. Februar 2009, 19:46
  2. Lesen auf mobilen Geräten…

    Was passiert aber, wenn man Texte, die bisher nur in gedruckter Form veröffentlicht wurden, auf dem Handy lesen möchte? Marc von trendmobi.de hat sich einen Handyroman und das Werk „Die Verwandlung“ von Franz Kafka vorgenommen und versucht die…

    Geschrieben von Movable Web | 2. März 2009, 01:49

Schreibe einen Kommentar